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Muskelverlust durch Abnehmspritze: Protein und Krafttraining

Eine geöffnete Abnehmsprizte, Wegovy oder Mounjaro

Viele haben Angst vor Muskelverlust. Wegovy und Mounjaro können zu einer deutlichen Gewichtsabnahme führen. Dabei geht allerdings nicht ausschließlich Körperfett verloren. Wie bei anderen Formen der Gewichtsabnahme kann auch fettfreie Masse abnehmen.

Deshalb liest man inzwischen häufig, dass die Abnehmspritze angeblich zu einem starken Muskelverlust führt. Teilweise ist sogar von 25, 30 oder 40 Prozent Muskelverlust die Rede.

So einfach ist es nicht.

Ein Teil der Gewichtsabnahme kann tatsächlich aus fettfreier Masse bestehen. Fettfreie Masse ist aber nicht dasselbe wie Muskelmasse. Außerdem zeigen Studien, dass unter Semaglutid und Tirzepatid deutlich mehr Fettmasse als fettfreie Masse verloren geht.

Trotzdem ist das Thema wichtig. Gerade bei einer starken und schnellen Gewichtsabnahme sollte das Ziel nicht nur lauten, möglichst viele Kilogramm abzunehmen, sondern möglichst viel Körperfett zu verlieren und Muskulatur und Muskelfunktion möglichst gut zu erhalten.

Verliert man durch Wegovy und Mounjaro Muskeln?

Ja, während einer größeren Gewichtsabnahme kann auch fettfreie Masse verloren gehen. Das passiert allerdings nicht ausschließlich bei Wegovy oder Mounjaro, sondern grundsätzlich auch bei einer Gewichtsabnahme durch ein Energiedefizit, also wenn man weniger Kalorien isst, als man braucht.

Interessant sind dazu zwei Untersuchungen zur Körperzusammensetzung.

In einer Teilstudie der STEP-1-Studie wurde die Körperzusammensetzung bei 140 Teilnehmer*innen mittels DXA-Scan untersucht. Unter Semaglutid sank das Körpergewicht innerhalb von 68 Wochen um durchschnittlich 15 Prozent. Die Fettmasse sank um 19,3 Prozent, die fettfreie Körpermasse um 9,7 Prozent.

Bei Tirzepatid zeigte eine Teilstudie der SURMOUNT-1-Studie ein ähnliches Bild: Das Körpergewicht sank nach 72 Wochen um 21,3 Prozent, die Fettmasse um 33,9 Prozent und die fettfreie Masse um 10,9 Prozent.

Etwa drei Viertel des verlorenen Gewichts entfielen dort auf Fettmasse und etwa ein Viertel auf fettfreie Masse.

Das zeigt: Der größte Teil des Gewichtsverlusts war Fett. Trotzdem ging auch fettfreie Masse verloren.

Bedeutet weniger fettfreie Masse automatisch Muskelverlust?

Nein. Das ist ein wichtiger Unterschied.

In vielen Beiträgen im Internet werden die Begriffe fettfreie Masse und Muskelmasse gleichgesetzt. Wissenschaftlich ist das nicht korrekt.

Denn zur fettfreien Masse gehören neben der Skelettmuskulatur unter anderem Körperwasser, Organe, Bindegewebe und Knochenbestandteile. Messverfahren wie DXA oder Bioimpedanzanalyse können deshalb nicht einfach zeigen: „Sie haben genau fünf Kilogramm Muskeln verloren.“

Auch die häufig zitierte Aussage, dass bei einer Abnehmspritze „bis zu 40 Prozent Muskeln verloren gehen“, kann leicht missverstanden werden.

Gemeint ist dabei in der Regel nicht, dass jemand 40 Prozent seiner gesamten Muskulatur verliert. Solche Prozentangaben beziehen sich häufig darauf, welcher Anteil des insgesamt verlorenen Gewichts als fettfreie Masse gemessen wurde.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Warum ist Muskelmasse beim Abnehmen überhaupt wichtig?

Unsere Muskulatur brauchen wir nicht nur für Sport.

Sie ermöglicht uns aufzustehen, Treppen zu steigen, Einkäufe zu tragen und unseren Alltag selbstständig zu bewältigen. Besonders mit zunehmendem Alter wird der Erhalt von Muskelmasse, Muskelkraft und körperlicher Funktion wichtiger.

Deshalb sollte der Erfolg einer Gewichtsabnahme nicht ausschließlich anhand der Zahl auf der Waage beurteilt werden.

Zehn Kilogramm weniger sind nicht automatisch dasselbe Ergebnis, wenn bei einer Person überwiegend Fettmasse verloren geht und bei einer anderen gleichzeitig Kraft und körperliche Leistungsfähigkeit stark abnehmen.

Das Ziel sollte deshalb nicht einfach maximaler Gewichtsverlust, sondern eine möglichst günstige Veränderung der Körperzusammensetzung und Gesundheit sein.

Warum kann die Abnehmspritze den Muskelerhalt erschweren?

Das Problem ist wahrscheinlich weniger eine direkte „muskelabbauende“ Wirkung von Wegovy oder Mounjaro.

Viel wichtiger ist, was während einer starken Gewichtsabnahme passiert.

Durch den geringeren Appetit essen manche Menschen plötzlich sehr wenig. Damit sinkt nicht nur die Energieaufnahme, sondern häufig auch die Proteinaufnahme.

Wer gleichzeitig wenig körperlich aktiv ist und seine Muskulatur kaum belastet, setzt zusätzlich wenig Trainingsreiz für deren Erhalt.

Besonders ungünstig kann deshalb die Kombination aus folgenden Faktoren sein:

  • sehr großer Gewichtsverlust,
  • sehr geringe Energieaufnahme,
  • zu geringe Proteinaufnahme,
  • wenig körperliche Aktivität,
  • kein Krafttraining,
  • höheres Lebensalter oder bereits geringe Muskelmasse.

Gerade bei Menschen, die bereits vor Beginn der Therapie wenig Muskelmasse oder eingeschränkte Muskelkraft haben, sollte deshalb genauer hingeschaut werden.

Protein hilft beim Muskelerhalt

Protein liefert Aminosäuren, die der Körper unter anderem zum Aufbau und Erhalt von Körpergewebe benötigt.

Während einer Gewichtsabnahme kann deshalb eine ausreichende Proteinzufuhr sinnvoll sein, um den Erhalt fettfreier Masse zu unterstützen.

Die optimale Proteinmenge speziell für Menschen unter Wegovy, Mounjaro oder anderen GLP-1-basierten Medikamenten ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.

In aktuellen Fachpublikationen werden während einer aktiven Gewichtsreduktion häufig etwa 1,2 bis 1,6 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht bzw. Bezugsgewicht und Tag diskutiert.

Bei Adipositas gibt es dabei ein Problem: Das tatsächliche Körpergewicht einfach mit 1,2 oder 1,6 zu multiplizieren, kann zu unrealistisch hohen Proteinmengen führen.

Deshalb können je nach Situation beispielsweise ein angepasstes Gewicht, ein Zielgewicht oder die fettfreie Masse als Orientierung verwendet werden. Einen einheitlichen, wissenschaftlich gesicherten „GLP-1-Proteinbedarf“ gibt es derzeit nicht.

In der Ernährungsberatung bestimme ich die Proteinmenge deshalb individuell und schaue gleichzeitig, wie sie im Alltag überhaupt schaffbar ist.

Denn eine theoretisch perfekte Zahl bringt wenig, wenn jemand aufgrund der Abnehmspritze kaum Hunger hat.

Protein über den Tag verteilen

Neben der Gesamtmenge kann es sinnvoll sein, Protein nicht ausschließlich über eine einzige große Mahlzeit aufzunehmen.

Gerade unter Wegovy oder Mounjaro ist das häufig schwierig, weil große Portionen kaum noch möglich sind.

Deshalb kann man versuchen, bei mehreren Mahlzeiten eine Proteinquelle einzuplanen, zum Beispiel:

  • Skyr, Quark, Joghurt oder Hüttenkäse,
  • Eier,
  • Fisch,
  • Fleisch,
  • Tofu oder Tempeh,
  • Linsen, Bohnen und andere Hülsenfrüchte,
  • geeignete proteinreiche pflanzliche Alternativen.

Welche Lebensmittel passen, hängt natürlich auch von Ernährungsweise und Verträglichkeit ab.

Weiterlesen: Was essen bei Wegovy oder Mounjaro? Ernährung bei wenig Appetit

Brauche ich einen Proteinshake?

Nicht automatisch.

Proteinshakes können eine praktische Möglichkeit sein, wenn aufgrund des sehr geringen Appetits die benötigte Proteinmenge mit normalen Lebensmitteln kaum erreicht werden kann.

Sie sind aber weder Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung mit Wegovy oder Mounjaro noch automatisch besser als normale proteinreiche Lebensmittel.

Bevor ich einen Proteinshake empfehle, würde ich deshalb zuerst prüfen:

Wie viel Protein wird tatsächlich gegessen und warum wird der Bedarf nicht erreicht?

Manchmal reichen kleine Veränderungen der normalen Mahlzeiten bereits aus.

Bei bestimmten Erkrankungen, insbesondere einer eingeschränkten Nierenfunktion, sollte eine höhere Proteinzufuhr individuell beurteilt werden.

Protein allein reicht nicht aus

Dieser Punkt ist besonders wichtig.

Wer sehr viel Protein isst, schützt damit seine Muskulatur nicht automatisch.

Muskeln brauchen einen Grund, erhalten zu bleiben. Einer der wichtigsten Reize dafür ist, sie zu benutzen.

Deshalb gehören Protein und Krafttraining zusammen.

Auch das aktuelle internationale GLP-1-Advisory betont, dass eine ausreichende Proteinzufuhr allein wahrscheinlich nicht ausreicht, um Muskelmasse zu erhalten. Eine strukturierte Form von Krafttraining sollte hinzukommen.

Die deutsche S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas empfiehlt ebenfalls Krafttraining im Rahmen einer Gewichtsreduktion. Für Erwachsene werden muskelkräftigende Aktivitäten an mindestens zwei Tagen pro Woche empfohlen.

Das bedeutet nicht, dass jeder sofort fünfmal pro Woche ins Fitnessstudio gehen muss.

Je nach Ausgangssituation können beispielsweise Training an Geräten, Übungen mit Gewichten oder andere geeignete Widerstandsübungen infrage kommen. Bei Erkrankungen, Schmerzen oder starken körperlichen Einschränkungen sollte das Training entsprechend angepasst und gegebenenfalls professionell begleitet werden.

Wie kann man Muskelverlust messen?

Das Körpergewicht allein kann nicht unterscheiden, ob Fettmasse oder fettfreie Masse verloren wurde.

In der Praxis können deshalb zusätzliche Informationen hilfreich sein.

Eine Bioimpedanzanalyse (BIA) kann beispielsweise Veränderungen der geschätzten Körperzusammensetzung im Verlauf darstellen. Ihre Ergebnisse sind allerdings keine direkte Messung der Muskelmasse und können unter anderem durch den Flüssigkeitshaushalt beeinflusst werden.

Deshalb sollte man sich nicht ausschließlich auf einen einzelnen BIA-Wert verlassen.

Mindestens genauso interessant kann die Funktion sein: Bleiben Kraft und körperliche Leistungsfähigkeit erhalten?

Je nach Situation können beispielsweise Handkraftmessungen oder funktionelle Tests zusätzliche Informationen liefern. Bei einem begründeten Verdacht auf Sarkopenie sind standardisierte diagnostische Verfahren sinnvoller als die alleinige Betrachtung einer Körperfettwaage.

Wer sollte besonders auf seine Muskulatur achten?

Grundsätzlich ist der Muskelerhalt während einer größeren Gewichtsabnahme für jeden relevant.

Besonders wichtig wird er aber beispielsweise bei:

  • älteren Menschen,
  • bereits geringer Muskelmasse oder Muskelkraft,
  • sehr schnellem oder starkem Gewichtsverlust,
  • sehr geringer Nahrungsaufnahme,
  • längeren Phasen körperlicher Inaktivität,
  • Schwierigkeiten, ausreichend Protein aufzunehmen.

Wer unter der Behandlung zunehmend schwächer wird oder deutliche Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit bemerkt, sollte das nicht einfach als normalen Bestandteil der Gewichtsabnahme akzeptieren, sondern ärztlich bzw. therapeutisch abklären lassen.

Fazit: Nicht nur Gewicht verlieren, sondern Muskeln möglichst erhalten

Wegovy und Mounjaro können eine erhebliche Gewichtsabnahme ermöglichen. Dabei geht überwiegend Fettmasse verloren, aber auch fettfreie Masse kann abnehmen.

Das bedeutet nicht, dass die Abnehmspritze automatisch zu einem dramatischen Muskelverlust führt. Es ist aber sinnvoll, den Muskelerhalt von Anfang an mitzudenken.

Eine ausreichende Proteinversorgung und regelmäßiges Krafttraining gehören zu den wichtigsten beeinflussbaren Faktoren.

Gerade bei sehr wenig Appetit kann es schwierig sein, ausreichend Protein mit kleinen Portionen aufzunehmen. Eine Ernährungsberatung kann dabei helfen, den individuellen Bedarf einzuschätzen und eine Strategie zu entwickeln, die zur Ernährung, zum Appetit und zum Alltag passt.

Sie nehmen Wegovy, Mounjaro oder ein anderes GLP-1-basiertes Medikament und möchten Ihre Muskelmasse während der Gewichtsabnahme möglichst gut erhalten?

In der Ernährungsberatung können wir Ihre aktuelle Proteinversorgung, Nahrungsaufnahme und den Gewichtsverlauf betrachten und daraus konkrete, alltagstaugliche Maßnahmen entwickeln.

Quellen

Mozaffarian D et al. (2025): Nutritional priorities to support GLP-1 therapy for obesity: A joint Advisory from the American College of Lifestyle Medicine, the American Society for Nutrition, the Obesity Medicine Association, and The Obesity Society. American Journal of Clinical Nutrition, 122(1), 344–367.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40445127/

Wilding JPH et al. (2021): Impact of Semaglutide on Body Composition in Adults With Overweight or Obesity: Exploratory Analysis of the STEP 1 Study. Journal of the Endocrine Society, 5(Suppl 1), A16–A17.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8089287/

Look M et al. (2025): Body composition changes during weight reduction with tirzepatide in the SURMOUNT-1 study of adults with obesity or overweight. Diabetes, Obesity and Metabolism, 27(5), 2720–2729.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39996356/

Deutsche Adipositas-Gesellschaft et al. (2024): S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, Version 5.0.

Ich habe Ernährungswissenschaften studiert. Durch mein E-Zert bezuschussen mich die Krankenkassen. Ich berate wissenschaftlich fundiert, empathisch und alltagsorientiert.

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